Einsatzbericht Sea Punk I

ERSTER SAR EINSATZ 2023

Im September sind wir mit der Sea Punk I den ersten Such- und Rettungseinsatz im Mittelmeer gefahren. Am 1. September starteten wir von Burriana, Spanien aus in Richtung zentrales Mittelmeer. Aufgrund von Sturm und ungünstigen Wetterbedingungen mussten wir auf dem Weg nochmal mehrere Tage vor Sardinien halten und abwettern, bevor die Sea Punk I schließlich in den Abendstunden des 9. September das Einsatzgebiet erreichte.

PATROUILLE GEMEINSAM MIT RESQSHIP & AKTUELLE SITUATION IM MITTELMEER

Im sogenannten tunesischen Korridor angelangt patrouillierten wir in den Morgenstunden des 10. September gemeinsam, und in Abstimmung mit dem Segelschiff Nadir der NGO Resqship. 

Da die Abfahrten auf den Fluchtrouten über das Mittelmeer bei guten Wetterbedingungen – also keiner oder nur flacher Welle – zunehmen, war davon auszugehen, dass sich Menschen auf den Fluchtweg machen. Dazu kam, dass aufgrund der schlechten Wetterlage in den Tagen zuvor besonders viele Abfahrten zu erwarten waren. Tatsächlich bestätigte sich diese Annahme in den Tagen, in denen wir selbst auf dem Mittelmeer im Einsatz waren, aber auch in den Tagen darauf auf dramatische Weise. 

Es fliehen seit Mitte September so viele Menschen über das Mittelmeer nach Europa und erreichen die italienische Insel Lampedusa, dass sogar die Nachrichten mal wieder darüber berichten. Das liegt sicherlich auch daran, dass Lampedusa eine humanitäre Notlage ausgerufen hat, weil man nicht in der Lage sei, die vielen Menschen vor Ort entsprechend zu versorgen. 

Diese humanitäre Notlage kommt alles andere als unerwartet, weshalb die EU-Politiker nicht überrascht sein dürfen! Denn die Zahl der Ankünfte auf Lampedusa steigt bereits seit dem Frühjahr. Laut dem Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) sind von Januar bis August 2023 260 Prozent mehr Menschen in Tunesien in Boote gestiegen als im Vorjahreszeitraum

Das ist keine zufällige Entwicklung: Durch Schließung anderer Routen wie bspw. der zentralen Mittelmeer Route durch den Aufbau libyscher Milizen zu einer s.g. Küstenwache und massiver rassistischer Pogrome in Tunesien wurde diese Bewegung massiv verstärkt. 

Was die Medien in ihrer Berichterstattung über die Anzahl an Menschen, die Europa über Lampedusa erreichen, oft vergessen, ist die Dunkelziffer – also die Anzahl derjenigen Menschen, die ihren Fluchtversuch mit dem Leben bezahlen. Wenn viele Menschen auf Lampedusa ankommen, heißt das vor allem eines: viele Menschen begeben sich aktuell auf die lebensgefährliche Fluchtroute Mittelmeer – und viele kommen nicht an.

ERSTE RETTUNG 10. SEPTEMBER 2023

Wenige Stunden nach Beginn der Patrouille im Einsatzgebiet sichtete unsere Crew bereits einen ersten potentiellen Seenotrettungsfall in der Ferne. Ein kleines Fischerboot, das massiv überfüllt war mit circa 150 Menschen darauf. Bevor die Crew mit dem RHIB näher an den Fall heranfahren und die Lage evaluieren konnte, entdeckte sie in der Dunkelheit ein weiteres überfülltes Boot und musste diesen Fall priorisieren. 

Das überfüllte Metallboot war mit 44 Menschen unterwegs, darunter sechs Frauen, 17 Minderjährige, einige davon unbegleitet sowie ein Säugling. Unsere Crew fuhr nach erster Sichtung mit dem RHIB zu dem überfüllten Boot und stellte fest, dass es nicht seetüchtig war und durch die Wellenhöhe bereits eine Menge Wasser darin hineinschwappte. Die Menschen hatten keine Rettungswesten, keine ausreichenden Wasserreserven und Verpflegung an Bord, auch kein Benzin, um es allein in einen sicheren Hafen zu schaffen. Nachdem die Crew Rettungswesten verteilt und den Fall den zuständigen Behörden gemeldet hatte, begann sie mit der Evakuierung der Menschen und brachte sie an Bord der Sea Punk I – dabei wurden sie von der Crew der Nadir von RESQSHIP unterstützt! Unser Medic Team von Medical Volunteers International stellte bei der Untersuchung der geretteten Menschen an Bord der Sea Punk I fest, dass einige an schweren Verbrennungen durch Treibstoff, an Seekrankheit und Dehydrierung litten. Zudem gab es einen medizinischen Notfall, der dringend evakuiert werden und in ein Krankenhaus gebracht werden musste. Die Crew meldete diesen Fall an die italienische Küstenwache, woraufhin zunächst nur diese Person und ihr Bruder evakuiert wurden.

In der Zwischenzeit hatte die Crew ein weiteres überfülltes Boot am Horizont gesichtet und den Fall den Behörden gemeldet – auch die Menschen auf diesem Boot wurden von derselben Einheit der italienischen Küstenwache übernommen sowie im Anschluss auch alle geretteten Menschen an Bord der Sea Punk I ebenfalls übernommen und nach Lampedusa gebracht wurden. Die Sea Punk I hatte daraufhin keine geretteten Menschen mehr an Bord und blieb auf standby weiter im Suchgebiet, bereit zu helfen. 

Das zuvor gesichtete überfüllte Fischerboot geriet im weiteren Verlauf außer Sicht und war nicht mehr aufzufinden – wahrscheinlich war es eines der beiden Boote ähnlicher Bauart, die in den folgenden Tagen auf Lampedusa ankamen. Genau sagen, oder bestätigen, können wir das aber nicht.

ZWEITE RETTUNG 10./ 11. SEPTEMBER 2023

Es dauerte nur wenige Stunden, bis die Crew bereits am frühen Abend des 10. September auf einen weiteren Seenotfall aufmerksam wurde. Erneut ein Metallboot, circa 8 Meter lang, ohne Identifikationsnummer, ohne Navigation. Darauf befanden sich 39 Männer, darunter 11 unbegleitete Minderjährige. 

Auch dieses Boot hatte keinerlei Rettungsmittel, keine ausreichenden Wasserreserven und Verpflegung an Bord, sowie keinen ausreichenden Vorrat an Benzin, um es allein in einen sicheren Hafen zu schaffen. Zudem gab es niemanden, der in der Lage gewesen wäre, das Boot sicher ans Ufer zu navigieren. Unsere Crew verteilte Rettungswesten, meldete den Fall den zuständigen Behörden.

Die zuständige Leitstelle ordnete der Crew an, das Boot so lange es geht in Richtung Lampedusa zu begleiten und die Situation abzusichern. Bereits nach kurzer Weiterfahrt erlitt das Boot aber einen Wassereindrang. Die Crew evakuierte die Menschen deshalb kurzerhand auf die Sea Punk I.

Nach zweieinhalb Stunden war die Rettung erfolgreich abgeschlossen. Die medizinischen Untersuchungen ergaben keine schweren Notfälle, aber Fälle von Dehydrierung und Seekrankheit. In der Nacht bekam unsere Crew die Anweisung nach Lampedusa zu fahren. Dort konnte die Sea Punk I am 11. September am frühen Nachmittag alle Menschen sicher an Land lassen. 

ENDE DES ERSTEN EINSATZES – UND NUN? 

Bei der ersten Rettung wurden sowohl unser RHIB als auch die Sea Punk I leicht beschädigt.

Die Metallboote, die seit circa einem Jahr als Fluchtboote genutzt werden, sind äußerst gefährlich. Zum einen sind sie oft undicht oder Schweißnähte brechen während der Fahrt auseinander. Zum anderen haben sie gefährliche scharfe Kanten und Ecken, teilweise auch unter Wasser. So ist es mit unserem RHIB, einem Schlauchboot mit festem Rumpf sehr riskant selbst bei Wellengang so dicht an ein Metallboot heran zu fahren. Bei diesem Manöver wurde eine Luftkammer an unserem RHIB beschädigt. Aufgrund dessen haben wir aus Sicherheitsgründen beschlossen, diesen ersten Einsatz  nach der zweiten Rettung zu beenden.

Nach Ende des ersten Einsatzes befindet sich die Sea Punk I nun in Augusta, Sizilien, wo wir die nötigen Reparaturen vornehmen und in die Vorbereitungen für den zweiten Einsatz gehen. 

Der gesamte Verein dankt der Crew für ihren Einsatz! Und allen UnterstützerInnen für ihren Support! 

Seenotrettung ist ein Versprechen – und mit eurer Unterstützung können wir das Versprechen einlösen. 

Danke!

Eure Sea Punks

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